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Nachrichten und Presse
Nach Seidenkleid kam der Witwenschleier
Im Worpsweder Haus im Schluh wurden Lieder und Texte von Exilkünstlern vorgetragen
Von unserem Mitarbeiter
Johannes Kessels
Worpswede. Aus Prag bekam sie von ihrem Mann Stöckelschuhe, aus Oslo einen Pelz, aus Amsterdam einen holländischen Hut, aus Brüssel Spitzen, aus Paris ein seidenes Kleid, aus Bukarest ein buntes Hemd - aber dann ging da irgendwas schief bei der Eroberung der ganzen Welt. Aus Russland bekam „Das Soldatenweib“ einen Witwenschleier.
Lieder und Texte aus dem Exil waren im Haus im Schluh zu hören, gesungen von Sylvia Klingler, gelesen von Michael Klingler, am Klavier begleitet vom Helga Langwitz. Knapp 20 Zuhörer hatten sich zu der Veranstaltung, deren Erlös für die HeinrichVogeler-Schule in Kornejewka (Kasachstan) bestimmt ist, eingefunden. Fast alle Zuhörer zählten zur älteren Generation – dass es aber durchaus möglich ist, jüngere Leute für die Künstler zu interessieren, die ihre den Nazis zur Beute gewordene Heimat verlassen mussten, zeigte gerade dieser Abend dennoch: Grundlage war ein Projekt der Freien Waldorfschule Bremen-Sebaldsbrück, und im Programmheft mit den detaillierten, von den Schülern erarbeiteten Künstler-Biografien war zu erkennen, mit welchem Engagement die Schüler bei der Sache gewesen waren.
Bert Brecht, von dem das Lied „Vom Soldatenweib“ stammte (Musik: Kurt Weill), war natürlich ein großer Teil des Abends gewidmet, es begann aber mit einem Schrifsteller, der eigentlich nicht so recht zu den Exilkünstlern gehörte, wie er sein ganzes Leben lang nie so recht dazugehört hatte. Kurt Tucholsky war schon lange vor 1933 aus Deutschland ausgewandert, lebte lange Jahre als Korrespondent in Paris und ließ sich schließlich in Schweden nieder, wo er sich am 19. Dezember 1935 vergiftete. Der Kampf für ein republikanisches Deutschland war verloren, und allzuviele haben ohnehin nicht mitgekämpft - „Ja, und hier-? Die ganz verbockte liebe gute SPD. Hermann Müller, Hilferlieschen blühn so harmlos, doof und leis wie bescheidene Radieschen: außen rot und innen weiß“, heißt es dazu in „Feldfrüchte“. (Hermann Müller war 1920 und von 1928 bis 1930 Reichskanzler, Rudolf Hilferding 1923 und 1929/30 Finanzminister - dass auch er 1941 im KZ Buchenwald von den Nazis ermordet werden würde, konnte
Tucholsky, übrigens selbst seit 1922 Mitglied der SPD, 15 Jahre vorher nicht ahnen.)
In „Einigkeit und Recht und Freiheit“, ebenfalls von Hanns Eisler vertont, analysiert Tucholsky den Zustand der deutschen Republik genau so scharfsinnig bis hin zu dem schönen Reim: „Bayern stellt sich barsch, ruft: Es lebe die Republik“. So heißt es zumindest in den Gesammelten Werken; im Kurt-Tucholsky-Chanson-Buch, nach dem Sylvia Klingler vortrug, folgte auf „barsch“ ein anderes, etwas deutlicheres Reimwort. Michael Klingler trug die „Ballade von der Fischersfrau“ vor, in der ergreifende, aber für Tucholsky völlig ungewohnte Töne erklangen: „Hier stieg er ein am Strand – Schiff ahoi, Schiff ahoi! Winkte noch mit der Hand – Bleib mir treu, bleib mir treu!“ Ebenso seltsam ist, dass sich dieses Gedicht nicht in den Gesammelten Werken findet, und das Wort „jorren“ (soviel wie „schwafeln“) wurde von Tucholsky sonst nie verwendet. Auch Michael Klingler hatte nicht ermitteln können, wo das Gedicht erstmals erschienen ist.
Beim übrigen Programm war die Abstammung sicherer. „Der Prinz vom Lügenland“ mit der treffenden Weisheit: „Lügen haben lange hübsche Beine“ muss einfach von einer Frau stammen, nämlich von Erika Mann, Tochter von Thomas Mann. Es standen noch sehr viele schöne Erkenntnisse darin, allerdings war es sehr lang geraten und führte doch nur zu der Katechismus- Einsicht: „Denn die Wahrheit ganz allein kann’s machen.“
Mehr Tiefgang hatten die Gedichte von Bert Brecht, zumindest das Lied einer deutschen Mutter und das Deutsche Lied, während das „Hollywooder Liederbuch“ von Brecht und Eisler teilweise nach dem Rezept entstanden schien, das schon Tucholsky, Brecht in herzlicher Hassliebe zugetan, als „schönen Dreh“ des Dichters erkannt hatte: „Das kleine Einmaleins in getragenem Singsang vorzulesen, wie wenn es die Upanishaden wären.“ Dies gilt aber nicht für alle Lieder, die aus dem „Hollywooder Liederbuch“ vorgetragen wurden, und, was überraschte: Auch die schwächeren wie „Vom Sprengen des Gartens“ beeindruckten im Vortrag, von Hanns Eisler phantasievoll vertont und von Sylvia Klingler und Helga Langwitz sehr sicher und stimmgewaltig vorgetragen.
Aber nicht nur Politik wurde im Exil betrieben, denn das würde ja kein Mensch aushalten. Kurt Weill stieg ins amerikanische Operngeschäft ein und hatte am Broadway beachtliche Erfolge, und auch diese Stücke wurden dem Publikum im Haus im Schluh nicht vorenthalten, dazu mit Musik von Weill zwei französische Chansons mit Texten von Jacques Deval, von denen einer zur Erkennungsmelodie der Widerstandsbewegung wurde.
Quelle: Wümme Zeitung
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